Über die menschliche Existenz (Buchzitat)

Textkörper

Ich erlaube mir hier ein Kapitel aus einem Buch herauszunehmen und einzustellen. Es behandelt das Thema und ist sehr lesenswert; Hervorhebungen sind von mir.

Aus Menschengemäße Politik - Dieter Frei

Kapitel 01

ÜBER DIE MENSCHLICHE EXISTENZ

Diese Arbeit soll von menschengemäßer Politik, von menschenge- rechter Sozialgestaltung handeln. Sie hat sich deshalb zuerst damit zu befassen, was unter «menschengerecht» und «menschengemäß» zu verstehen ist. Auf diese Frage können wir nur dann hoffen, eine gültige Antwort zu finden, wenn wir bereit sind, uns näher einzu- lassen auf gewisse Grundfragen der menschlichen Existenz.

Jeder Mensch der Gegenwart, wenn er ein wenig sich auf sein Inneres zu besinnen vermag, stößt einmal auf die Frage nach dem Ursprung, dem Sinn und dem Ziel seines Erdendaseins. Blickt er auf die Zeitspanne von etwa siebzig bis achtzig Jahren, die den menschlichen Lebensgang ausmacht, muß sich ihm doch wie von selbst die Frage nach dem Sinn eines so streng durch Zeugung und Geburt auf der einen, und durch den Tod auf der anderen Seite ab- gegrenzten Daseins stellen. Verwirrend und unverständlich, ja wohl sogar lebenssinnwidrig kann ihm dann der Aufwand von Natur und Schöpfung für ein so kurzes Aufwachen und Vergehen des Bewußt- seins im Irdischen vorkommen.

Zu dieser in der heutigen Menschheit weitverbreiteten Grund- empfindung von der Nichtigkeit des kurzen individuellen Lebens- laufes hat die materialistisch-naturwissenschaftliche Denkungsart der letzten rund zwei- bis dreihundert Jahre geführt. Aus ihren Voraussetzungen heraus kann sie nur Aussagen machen über die sinnlich-physischen Beobachtungsgegenstände und die ihnen zuge- hörenden toten Gesetzmäßigkeiten, nicht aber vermag sie das Le- ben zu erfassen und zu begreifen. Ein Haupthinderungsgrund dafür liegt darin, daß sie das Lebende, das Organische als aus dem Toten, dem Unorganischen hervorgegangen ansieht, anstatt die umge- kehrte Möglichkeit, daß nämlich die heute tote mineralische Mate- rie den Rest eines einstmals Lebenden darstellen könnte und somit alles jetzt Tote aus einem früheren Lebendigen entstanden wäre, ebenfalls ernsthaft in die Erwägung einzubeziehen. Deshalb bringt die heutige naturwissenschaftliche Denkungsart Theorien zur Da- seins- und Lebenserklärung hervor, die ein gründliches Erkenntnis- streben nicht zu befriedigen vermögen.

Das gilt insbesondere auch

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hinsichtlich ihrer gegenwärtig vorherrschenden Theorie über die Entstehung unseres Sonnensystems und damit unserer Erde. Ihr zufolge soll der zufälligen Zusammenfügung der Atome das Entste- hen der Welt zu verdanken sein. Gewaltige Zeiträume sieht sie damit erfüllt, daß nach und nach anorganische Materie sich zusam- menfügte. Dann soll sich wieder auf zufällige Weise organische Materie haben bilden können und niedere Lebewesen sollen ent- standen sein. Und schließlich soll eine Höherentwicklung der Lebewesen durch wiederum zufällige Erbmutationen der Arten in Verbindung mit natürlicher Auslese erfolgt sein. Ohne ersichtlichen Sinn bildeten und bilden sich demnach auf der Erde aus einer all- gemeinen Tendenz zum Chaos und zur Auflösung die weisheiter- füllten Formen des Daseins, an deren Spitze der Mensch sich fin- det. Als Endpunkt der Entwicklung sieht diese Theorie, nach Ab- lauf allerdings gewaltiger Zeiträume, schließlich den Untergang alles Daseins.

Für dieses Weltbild ist der einzelne Mensch nur ein Staubkorn im Universum, ein kaum Gewesener im Zeitenstrome, wenig mehr als ein Nichts! - Worin besteht der Sinn einer Existenz, deren An- fang von Unbewußtheit verdeckt ist und deren Ende wiederum ins Verlöschen des Bewußtseins mündet? Worin liegt der Sinn einer kosmischen Evolution, die dem Zufall ihr Dasein verdankt und deren Ziel die allgemeine Vernichtung im Untergang der Materie darstellt? Was sollen dem Menschen seelische Anwandlungen zu den Idealen des Wahren, Schönen und Guten, wenn sein bewußtes Sein für bloße kurze siebzig Jahre, weniger als ein Nu der Evolu- tion, aus dem Nichts aufwacht, um sogleich wieder im Nichts zu verlöschen?

Vor diesen strengen Fragen gibt es letztlich nur das Ignorabimus («wir werden es niemals wissen») eines Du Bois-Reymond! oder das Durchstoßen zur Geisterkenntnis, wie es Rudolf Steiner voll- zogen hat.

Die von Rudolf Steiner begründete anthroposophische Geistes- wissenschaft stellt dar, daß der Mensch nicht bloß ein physisches, sondern primär (seinem Ursprunge nach) ein geistiges Wesen und als solches ein Geschöpf von in der Entwicklung über ihm stehen- den göttlichen-geistigen Wesen ist. Das ganze Weltenall ist vom

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Bewußtsein der verschiedenen geistigen Wesenheiten durch- drungen. Die Erde ist in den ganzen Kosmos eingebettet und ebenso wie der Mensch einbezogen in einen gewaltigen göttlich- geistigen Schaffens- und Entwicklungsplan. Inhalt der Evolution ist das Aufsteigen der verschiedenen Wesenheiten zu immer höheren Bewußtseinsstufen. Für uns Menschen steht natürlich unsere eigene Bewußtseinsentwicklung im Brennpunkte des Interesses. Über sie Aufschluß gewinnen heißt, das Menschenwesen im allge- meinen und damit uns selbst verstehen zu lernen. Durch die anthroposophische Erkenntnis wird die Betrachtung des Daseins über die rein physisch-materielle Seite der Naturwissenschaft hinausgeführt und auf das geistige und seelische Wesen des Menschen ausgedehnt.

Aus dieser Sicht kann die menschliche Existenz nicht als eine auf den gegenwärtig allein bewußten einen Lebenslauf beschränkte, nur irdisch-physische angesehen werden. Sie ist vielmehr eine dau- ernde, in einem immerwährenden Entwicklungsstrome begriffene, in welcher das Leben zwischen Geburt und Tod nur einen, aller- dings bedeutsamen, Ausschnitt bildet. Sie kann, über das Irdische hinaus, in ein vorgeburtliches und ein nachtodliches Dasein weiter- verfolgt werden. Physisch-leiblich ist nur das Dasein zwischen Ge- burt (eigentlich Empfängnis) und Tod. Das vorgeburtliche und nachtodliche Dasein ist dagegen rein geistiger Art und deshalb mit den Mitteln der sinnlichen Wahrnehmung nicht erforschbar. Dage- gen kann es mit den vom Geistesforscher angegebenen Mitteln der übersinnlichen Erkenntnis exakt untersucht werden. (Siehe hierzu Rudolf Steiner: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»? sowie «Die Geheimwissenschaft im Umriß»°, Kapitel «Die Erkenntnis der höheren Welten».)

Verfolgt man mit den Mitteln der Geistesforschung den indivi- duellen Existenzgang über die Pforten von Geburt und Tod hinaus, so ergibt sich hieraus die für das ganze Dasein fundamentale Er- kenntnis, daß jede menschliche Individualität eine Reihe von wie- derholten Erdenverkörperungen durchmacht. Mit dieser Erkennt- nis von den wiederholten Erdenleben des individuellen Menschen verknüpft ist die andere, daß unser Erdenplanet, ja unser ganzes Sonnensystem mit der Entwicklung des Menschen aus geistigen Urgründen verbunden ist und selbst eine spirituelle und bewußt- seinsmäßige wie physische Entwicklung durchläuft. Nicht losgelöst

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vom planetarischen und kosmischen Geschehen, sondern einbe- zogen in dasselbe und im Zusammenhange mit diesem stehend, er- scheint vor diesem Blicke auch der individuelle Schicksalsgang des Menschen durch die Reihe der Erdenverkörperungen. Diese sind ebenso Teile eines allgemeinmenschlichen Evolutionsganges, wie sie Bestandteile einer individuellen Entwicklung sind. Wie allgemeine Evolution und individuelle Menschenentwicklung sich durchdringen und zueinander verhalten, wird in der Anthroposophie ausführlich dargestellt.

Die anthroposophische Geisteswissenschaft stellt die wieder- holten Erdenleben des Menschen zunächst als eine geistig-über- sinnlich erfaßbare Tatsache dar. Ihr gegenüber erhebt sich sogleich die Frage nach ihrer weiteren Erklärung, nach ihrem Sinn im Weltenzusammenhange. Auf eine mit der Wiederverkörperungs- tatsache (Reinkarnation) eng verbundene weitere Daseinsgesetz- mäßigkeit muß dabei hingewiesen werden: auf den in den wieder- holten Erdenleben waltenden Schicksalsausgleich. In der anthro- posophischen Geisteswissenschaft wird hierfür die aus östlicher Weisheit stammende Bezeichnung «Karma» verwendet. Unter Karma versteht man den von einer: Inkarnation in die nach- folgenden Verkörperungen hinüberreichenden gesetzmäßigen Schicksalsausgleich für die Taten, die ein Mensch während seines Lebens vollbringt, wie auch für die Ereignisse, die ihm zustoßen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß das Leben, allein zwischen Geburt und Tod betrachtet, nicht unmittelbar den Schicksalsausgleich ver- wirklicht, den wir, unserem Empfinden oder unserem Verstande folgend, zu erwarten geneigt wären. Skrupellosigkeit, Habgier, Ausschweifung, Lasterhaftigkeit und so weiter ziehen nicht not- wendigerweise in der gleichen Inkarnation schicksalsausgleichende Prüfungen als Folge nach sich. Edles moralisches Streben und ein- wandfreie sittliche Lebensführung führen nicht unmittelbar im glei- chen Leben zu einer Erhöhung der äußeren Lebensumstände. Manchem mag sich deshalb schon die herbe Frage vor die Seele ge- stellt haben, ob sich die vielen offenkundigen Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten im menschlichen Dasein überhaupt einmal ausgleichen.

Solche Zweifel werden von demjenigen leichter überwunden, der den Blick nicht allein auf das zwischen Geburt und Tod einge- schlossene eine und einzige Leben hinwendet, das wir aus unserer

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gegenwärtigen Bewußtseinsbeschaffenheit nur zu überblicken ver- mögen. Wenn wir darauf hinsehen, wie sehr unterschiedlich die Menschen geboren werden in bezug auf ihre Anlagen und Talente, auf ihre soziale Umgebung, auf ihr günstiges oder hartes Schicksal, so können wir daraus einen Hinweis gewinnen, daß die scheinbare Ungerechtigkeit im einzelnen Lebenslaufe vielleicht doch über- deckt und ausgeglichen werden könnte durch einen mehrere Inkar- nationen übergreifenden karmischen Ausgleich. Diese Gesetz- mäßigkeiten werden in den anthroposophischen Schriften ausführ- lich beschrieben; es sei in diesem Zusammenhange auf die entspre- chenden Werke von Rudolf Steiner («Geheimwissenschaft i im Um- riß»°, «Theosophie», «Reinkarnation und Karma» z hingewiesen.

Die Idee von Reinkarnation und Karma ist dem abendländi- schen Denken bis heute weitgehend fremd geblieben. Orientali- schen Geistesrichtungen ist sie dagegen, allerdings in anderer Weise als die Anthroposophie sie lehrt, selbstverständlich. Mit Les- sing («Die Erziehung des Menschengeschlechtes»° ) und Goethe (zum Beispiel an Frau von Stein’) faßten einzelne erleuchtete abendländische Geister sie deutlich, ohne daß jedoch dieses vereinzelte Aufleuchten sie in weitere Kreise dringen ließ. Rudolf Steiner hat sie in großartiger Weise für den modernen Menschen, dessen Denken an der Naturwissenschaft geschult worden ist, neu erschlossen. Dies ist eine große, zukunftweisende Geistestat, die dazu aufruft, sich eingehend mit den Veröffentlichungen zu be- fassen, in denen seine Wiederverkörperungslehre dargestellt ist.

Wer mit Reinkarnation und Karma als Realitäten rechnet, wird in seiner Lebensführung andere Maßstäbe setzen als derjenige, dem diese Erkenntnisse fremd sind. Er wird deshalb um nichts weniger ein Bekenner der Christentums sein und bleiben können. Die christlichen Offenbarungen widersprechen der Lehre von Rein- karnation und Karma nicht. Sie vermitteln sie zwar auch nicht; be- stimmte Aussagen weisen indessen, wenngleich verschleiert, darauf hin, daß sie den Evangelisten bekannt gewesen sein muß: am deut- lichsten wohl das Christuswort, das Johannes den Täufer als den wiedergeborenen Elias bezeichnet (Matthäus 11, 14). Manches andere, bisher schwer Verständliche findet durch die Reinkarnati- ons- und Karmalehre eine Erhellung, die zu einem erhöhten Ver- ständnisse führen kann, so zum Beispiel die Christusworte, die sich auf die Scheidung der Menschheit, das jüngste Gericht und die Fol-

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gen der guten und bösen Taten beziehen. In ihnen kommt zum Ausdruck, daß jeder Mensch durch sein Tun und Lassen in den Erdenläufen seine Entwicklung wesentlich bestimmt und unaus- weichlich die Folgen seiner sittlichen oder nicht-sittlichen Lebens- führung zu tragen hat. Die Erde entwickelt sich eine Zeit lang so, daß sie den Daseinsort für eine in den moralischen Eigenschaften gemischte Menschheit abgibt. Es wird aber ein Entwicklungspunkt kommen, an dem eine Scheidung eintritt. Von da ab wird ein zurückbleibender Teil der Menschheit dem fortschreitenden Teil nicht weiter folgen können.

Innerhalb der aus dem Geiste entstammenden, weisheitdurch- drungenen Schöpfung bestehen geistig-moralische Gesetz- mäßigkeiten in der gleichen Weise, wie in der physischen Welt äußere Naturgesetzlichkeiten herrschen. - Der Mensch ist seinem Ursprunge nach ein geistiges Wesen, und er offenbart als solches in der Naturordnung das Geistige. Naturordnung und geistig-sittliche Weltenordnung erscheinen dem heutigen Menschen als zwei voll- ständig getrennte Welten. Der Mensch stellt sich unter dem Ein- flusse des naturwissenschaftlichen Materialismus vor, daß die Na- turgesetze völlig für sich bestehen und in keiner Weise beeinflußt werden vom geistig-sittlichen Welteninhalt, wie er in den Men- schenseelen und Menschengeistern lebt. Das ist ein Trugschluß, der nur innerhalb einer bloß auf das Physische begrenzten Erkenntnis bestehen kann. Weitet sich die menschliche Erkenntnisfähigkeit auf das Gesamtwesen von Mensch und Kosmos aus, das auch die gei- stige Wesensseite real erfaßt, dann wird sichtbar, daß schr wohl ein Zusammenhang vorhanden ist zwischen Naturordnung und morali- scher Weltenordnung. Die genauere Darstellung dieser Zusam- menhänge war Rudolf Steiner ein wichtiges Anliegen. In manchen seiner Vorträge ist er auf dieses Problem eingegangen, so zum Bei- spiel im Vortrag vom 27. Februar 1917, in welchem er ausführte, daß «die moralische Weltenordnung in der Gegenwart die Keimkraft künftiger Naturordnung ist», so daß der Mensch durch das, was er heute geistig-scelisch entwickelt, die natürliche Ord- nung der Zukunft schafft. Daß man dabei nicht auf kurze, sondern auf sehr lange Zeiträume zu schen hat, muß gleichfalls bedacht werden. - (Eine ausführliche Darstellung des Zusammenhanges der natürlichen mit den moralisch-geistigen Weltenkräften ist in dem

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Vortragszyklus «Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen»!® von Rudolf Steiner gegeben.)

Nicht ein Nichts ist also der Mensch, wie die materialistischen Lehren glauben machen möchten, nicht unbedeutend sind seine geistig-moralische Haltung und die daraus fließenden moralischen Taten, nicht lebenssinnwidrig ist die menschliche Existenz! Die gei- stig-sittlichen Werte sind nicht ein Ergebnis der physisch-materiel- len Kräfte; sie dürfen auch nicht als verstandesbedingte Konven- tionen abgetan werden, nur notwendig und dazu da, um das ei- nigermaßen geregelte Zusammenleben und Überleben der Men- schen zu ermöglichen. - Der Mensch entstammt vielmehr in seinem inneren Wesenskern selbst jener geistigen Welt und ist innig we- sensverwandt mit jenen geistigen Kräften, die der moralischen Weltenordnung zugrunde liegen.

Es kann deshalb keine menschengemäße Sozialgestaltung geben, die nicht die Existenz des Geistigen als in der Welt wirken- des wesenhaftes Agens anerkennt. Den Menschen als bloß physi- sches Wesen auffassen und daraus eine soziale Ordnung ableiten zu wollen, wie dies zum Beispiel durch den dialektischen Materialis- mus und den auf diesem fußenden Kommunismus und Sozialismus versucht wird, heißt das Menschenwesen verkennen, ihm Gewalt antun! Solche Auffassungen bewirken statt Aufstieg und Weiter- entwicklung den Niedergang des Menschengeschlechtes und immer größeres soziales Chaos. Eine tragfähige Sozialordnung läßt sich nur auf der Grundlage der Geisterkenntnis und der Geist-Aner- kennung erreichen.

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