Die Wesensglieder des Menschen (Buchzitat)

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Ich erlaube mir hier ein Kapitel aus einem Buch herauszunehmen und einzustellen. Es behandelt das Thema und ist sehr lesenswert; Hervorhebungen sind von mir.

Aus Menschengemäße Politik - Dieter Frei

  1. Kapitel

DIE WESENSGLIEDER DES MENSCHEN

Eine ausführliche Darstellung des Menschenwesens aus anthro- posophischer Erkenntnis findet sich in der «Geheimwissenschaft im Umriß»? und in der «Theosophie»*. Der Leser, der sich genauer orientieren möchte, sei auf diese Hauptwerke Rudolf Steiners ver- wiesen. Hier sollen die Hauptaspekte der Gliederung des Men- schenwesens, insbesondere der Dreigliederungsaspekt, daraus wie- dergegeben werden, denn die Kenntnis derselben bildet eine Vor- aussetzung für das Verständnis des folgenden Kapitels und auch von manchem anderem, was in dieser Schrift zur sozialen Frage vorzubringen ist.

Die anthroposophische Geisteswissenschaft stellt den Menschen gesamthaft als ein dreigliedriges Wesen dar, bestehend aus Geist, Seele und Leib. Sie verfolgt die Entstehung des Menschen im Gesamtzusammenhang der irdisch-kosmischen Evolution. Hierauf ist hier nicht im einzelnen einzugehen, sondern es sollen nur die Wesensglieder selbst kurz beschrieben werden. Die drei Grund- glieder sind ihrerseits wiederum dreifach gegliedert.

Das Leibeswesen des Menschen besteht zunächst aus dem phy- sischen Leib. Er umfaßt das, was hauptsächlicher Gegenstand der naturwissenschaftlichen Betrachtungen und Untersuchungen ist und den physikalischen Gesetzmäßigkeiten der leblosen Körper unterliegt. Er ist der einzige direkt sinnlich wahrnehmbare Wesensteil des Menschen und gehört der mineralischen Welt an. Man hat von ihm zu unterscheiden, was ihn zu einem lebenden Organismus macht.

Wir können feststellen, daß unser physischer Leib die gestaltete Menschenform nach dem Tode sehr bald verliert: er verwest. Wird er allein den physischen Kräften überlassen, so ist er den die Form auflösenden Tendenzen der Erdensubstanzen unterworfen. Im lebenden Organismus ist also etwas vorhanden, was diesen vom leblosen Mineral unterscheidet, etwas, das über das Physische hin- ausgeht und nicht als physischer Körper gelten kann. Dasjenige, was bei jedem Lebewesen, also auch beim Tier und bei der Pflanze, dem Zerfall des Leibes entgegenwirkt und das eigentliche Leben

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ausmacht, ist nicht mehr der Sinnesbeobachtung zugänglich. Es kann jedoch als für sich bestehendes Wesensglied durch übersinnli- che Erkenntnis wahrgenommen werden. Die Anthroposophie nennt dieses zweite Wesensglied des Menschen den Lebensleib, oder, mit einem gleichbedeutenden Ausdruck, den Ätherleib. Ob- wohl nicht physisch-materieller Natur, ist dieses Wesensglied doch ein Teil des menschlichen Leibeswesens. Der Mensch hat es gemein mit den Pflanzen und Tieren.

Ebenso ist das dritte Glied der Menschenwesenheit, Empfin- dungsleib oder Astralleib genannt, ein Teil des Leibeswesens. Er ist der Träger eines niederen, traumhaften Bewußtseins, das noch nicht Selbstbewußtsein ist, das sich jedoch im Empfangen von Sinneseindrücken, im Erleben von Trieben und Begierden, von Lust und Schmerz und so weiter offenbart. Dieses ist allgemein charakteristisch für die Tierwelt, und so besitzt das Tier neben dem physischen Leib und dem Lebensleib auch einen Empfindungsleib.

Das menschliche Geistwesen ist in dem Ich gegeben. Dieses ist der unsterbliche Wesenskern des Menschen, der durch die Reihen der wiederholten Erdenleben geht, während die Leibesglieder sich nach dem Tode auflösen. Das Ich des Menschen ist geistiger Natur; es wird allerdings zunächst seelisch erlebt. Das hängt damit zu- sammen, daß das Ich, seitdem der Mensch in einem früheren Zeit- punkte der Erdenentwicklung damit begabt worden war, für den Menschen unbewußt Seelenglieder bildend wirkte. Das Ich bildete während der bisherigen Erdenentwicklung im Menschen durch eine für ihn unbewußt gebliebene Tätigkeit am Empfindungsleib, am Lebensleib und am physischen Leib drei Seelenglieder aus. Sie wer- den in der Anthroposophie Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele genannt.

Den Inhalt der Empfindungsseele bildet der gegenständliche, direkt auf der Sinnesempfindung und Sinneswahrnehmung beru- hende innere Erfahrungsschatz des Menschen. - Eine höhere Stufe des Seelischen wird erreicht, wenn das Ich seine Tätigkeit auf den Wissens- und Erfahrungsschatz richtet, der sich aus dem Beobach- ten und begrifflichen Verstehen der äußeren Welt ergibt. Den Teil der Seele, dem dies zukommt, bezeichnet die Geisteswissenschaft als Verstandesseele (oder Gemütsseele), denn es sind in der ge- nannten Tätigkeit die Verstandes- und Gemütskräfte in erster Linie

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  1. Die Wesensglieder des Menschen

beansprucht. - Das Denken führt den Menschen zur begrifflichen Selbsterfassung als Ich, als ein Gegensätzliches zur Welt. Das ist ein Vorgang innerhalb der Verstandesseele, weshalb diese als Ich- Ausdruck oder als «niederes Ich» (im Gegensatz zum rein geistigen «höheren Ich») bezeichnet werden kann. - Dem Verstandesseelen- inhalte liegen stets Begriffe zugrunde, die an der äußeren Wahrnehmungswelt gebildet werden. Eine noch höhere seelische Stufe wird erreicht, wenn der Mensch rein geistige Begriffe bildet, die nichts Äußeres mehr enthalten. Durch sie bildet sich der See- leninhalt der Bewußtseinsseele. Sie ist das höchste Seelenglied des Menschen; in ihr enthüllt sich ihm durch das innere Sich-selbst- Begreifen die Geistnatur seines Wesens.

Dem seelischen Wesen des Menschen sind zuzuordnen die See- lenfähigkeiten des Wollens, des Fühlens und des Denkens. Denken und Fühlen sind innerliche Seelenvorgänge; im Wollen tritt der Mensch aktiv nach außen. Er erscheint dadurch in der sozialen Außenwelt als ein seine Gedanken, seine Gefühle und seine Wil- lensimpulse mittels der Sprache und der Kunst ausdrückendes und in seinem Tun als handelndes Wesen.

Der bisherige Entwicklungsgang der Menschheit hat zur Ausbil- dung der oben geschilderten Leibes- und Seelenglieder geführt. In der Menschheitsgeschichte läßt sich insbesondere die Entwicklung der drei Seelenglieder in den aufeinanderfolgenden Kulturperioden aufzeigen. Die Kulturmenschheit lebt heute im Zeitalter der Bewußtseinsseele, das im 15. Jahrhundert begann und bis zur Mitte des 4. Jahrtausends unserer Zeitrechnung dauern wird. - Bis zum Erreichen der Bewußtseinsseele erfolgte die Entwicklung der Zivilisationsmenschheit weitgehend selbsttätig und unterbewußt. Diese Phase der selbsttätigen und unbewußten Entwicklung geht aber mit dem gegenwärtigen Kulturzeitraum ihrem Ende entgegen. Sie muß durch eine zukünftige vollbewußte Entwicklungsarbeit ab- gelöst werden. Diese Forderung ergibt sich aus der Wirkung des Ichs als zentralen Wesensglieds des Menschen. Wir haben es oben als von geistiger Beschaffenheit bezeichnet. Aufgabe des Menschen ist es, in die Zukunft hinein zusätzlich zu seinen drei leiblichen und drei seelischen Wesensgliedern ebenso drei Geistesglieder zu ent- wickeln. Die Anthroposophie nennt sie Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch. (Sie entsprechen den in der östlichen Terminologie Manas, Buddhi und Atma genannten Wesensgliedern.) Für ihre

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Beschreibung sei auf die eingangs dieses Kapitels erwähnten Werke Rudolf Steiners verwiesen.

Im irdischen Dasein des Menschen sind der Empfindungsleib und die Empfindungsseele einerseits sowie die Bewußtseinsseele und das Geistselbst andererseits so eng miteinander vereinigt, daß sie jeweils in einer gewissen Beziehung ein Ganzes ausmachen und je als ein Wesensglied erscheinen. Unter Gleichsetzung von Ver- standesseele und Ich gelangt man zur nachstehenden Siebenglied- rigkeit des Menschenwesens: 1. Physischer Leib, 2. Lebensleib, 3. Empfindungsleib (verbunden mit Empfindungsseele), 4. Ich (in der Verstandesseele), 5. Geistselbst (vereinigt mit der Bewußt- seinsseele), 6. Lebensgeist, 7. Geistesmensch.

Die anthroposophische Geisteswissenschaft spricht also von ei- ner bestimmten Anzahl von Wesensgliedern des Menschen (neun in der vollständigen, beziehungsweise sieben in der konzentrierteren Darstellung) und von den drei Seelenfähigkeiten (des Wollens, des Fühlens und des Denkens). Diese Gliederungen sind für die Sozial- gestaltung von besonderer Bedeutung. Sie bilden die Grundlage für die folgenden Ausführungen über die menschlichen Grundrechte und für die von Rudolf Steiner konzipierte Idee der sozialen Dreigliederung.

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